Literarische Lesung
Am André-Gymnasium in Chemnitz durften wir Schülerinnen und Schüler am 05.11.2025 einen ganz besonderen literarischen Gast begrüßen, den bekannten Kafka Biografen Reiner Stach. Gemeinsam mit dem Hörbuchpreisträger und Dozent der TU Chemnitz Dr. Christoph Grube nahm er uns mit auf eine spannende Reise in die faszinierende und oft missverstandene Welt Franz Kafkas. Unter dem Thema „Komik bei Kafka“ wurde deutlich, dass der Autor, den viele nur mit düsteren Themen verbinden, auch eine ganz eigene Form des Humors besaß.
Reiner Stach, geboren 1951 in Rochlitz, hat in Frankfurt am Main Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik studiert und gilt heute als einer der wichtigsten Biografen Franz Kafkas. Seine umfangreiche dreibändige Biografie zählt zu den bedeutendsten Werken über den berühmten Schriftsteller, jedoch präsentierte sich Stach uns nicht nur als Gelehrter, sondern als begeisterter Erzähler, der sein Wissen mit spürbarer Freude und Leidenschaft weitergibt. Mit einer bemerkenswerten Klarheit und Bodenständigkeit erklärte er selbst komplexe Gedanken so, dass sie für uns alle nachvollziehbar wurden und dabei gelang es ihm, die oft schwer zugängliche Welt Kafkas lebendig und verständlich werden zu lassen.
Unterstützt wurde er von Dr. Christoph Grube, Germanist und Sprecher an der Technischen Universität Chemnitz. Mit seiner ruhigen, eindringlichen Stimme las er ausgewählte Abschnitte aus Kafkas Werken so eindrucksvoll vor, dass man das Gefühl hatte, selbst in dieser fiktionalen Welt zu leben. Seine Vortragsweise ließ uns die Komplexität von Kafkas Sprache spüren, das Absurde, das Fantasievolle, aber auch die überraschende Komik, die zwischen den Zeilen liegt.

Kafka kann Komik
Im Zusammenspiel von Stachs Erläuterungen und Grubes Lesung entstand ein einzigartiges Erlebnis. Wir erfuhren, dass Kafka keineswegs nur der melancholische, von Zweifeln gequälte Autor war, wie er so oft betrachtet wird. Stach beschrieb ihn auch als scharfsinnigen Beobachter, als sensiblen Zuhörer und als Menschen mit einem feinen Gespür für das Komische im Alltäglichen. Gerade dieser Kontrast zwischen der Schwere seiner Themen und dem stillen Humor, machte den Vortrag so besonders.
In seinen Werken, so erklärte Stach, stehen oft bürokratische Genauigkeit und nüchterner Realismus neben fantastischen Elementen. Wenn in „Die Verwandlung“ ein junger Mann eines Morgens als Käfer erwacht und dennoch versucht, pünktlich zur Arbeit zu kommen, zeigt sich genau diese Art von Humor und die nüchtern beschriebene Fantasie.
Nach der Lesung folgte eine interaktive Gesprächsrunde, in der wir Schülerinnen und Schüler selbst Fragen stellen konnten. Reiner Stach beantwortete jede Frage geduldig, freundlich und mit sichtbarer Begeisterung. Diese Offenheit und Nähe machten den Tag zu etwas ganz Besonderem, wir hatten nicht nur das Gefühl, einem Vortrag zuzuhören, sondern waren in einer persönlichen Interaktion und dem Austausch von Gedanken.
Am Ende blieb bei vielen von uns das Gefühl, Kafka auf eine völlig neue Weise kennengelernt zu haben. Was vorher fremd oder schwierig wirkte, erschien plötzlich nah und greifbar. Der Tag mit Reiner Stach und Christoph Grube war ein außergewöhnliches Erlebnis, das gezeigt hat, wie lebendig Literatur sein kann, wenn sie mit Leidenschaft vermittelt wird. Es war eine Begegnung, die nicht nur Wissen vermittelte, sondern Begeisterung und Neugier auf weitere seiner Werke weckte.

Hannah Deisinger 12/1










